Die Inflation ist zurück – schön wär´s

Die aktuelle Inflation beruht auf Sondereffekten. Leider dürfte sie bald wieder sinken. Kritisch wäre nur, wenn sie zuvor Joe Bidens Investitionsprogramme gefährdete.

Nachdem sie seit der Jahrtausendwende kaum spürbar und nach der Finanzkrise so niedrig war, dass die Notenbanken sie verzweifelt zu befeuern suchten, musste zwangsläufig auffallen, dass die Inflationsrate in den USA auf 5, in Österreich auf 2,8 und in Deutschland auf 2,5 Prozent gesprungen ist. In den Siebzigerjahren wären diese Ziffern kaum der Rede wert gewesen– jetzt machen sie Furore, zumal „Die Inflation ist zurück“ sich zur Schlagzeile eignet.

Die bei den Berichterstattern mitschwingenden und beim Publikum ausgelösten Motivationen sind unterschiedlich. Bei Österreichs Neoliberalen orte ich klammheimliche Freude, vertraten sie doch die Ansicht, dass die lockere Geldpolitik der EZB verfehlt sei und eigentlich Inflation auslösen müsse. Dass stattdessen durch Jahre fast Deflation herrschte, hat sie irritiert– jetzt erhoffen sie partielle Rehabilitation. Bei deutschen Neoliberalen rührt die gestiegene Inflation zusätzlich an der Urangst vor der historischen Hyperinflation und erzeugt sofort Besorgnis: In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde bereits die dringende Rückkehr zur „Schuldenbremse“ gefordert. Die größte Sorge hegen die Reichen der USA: Inflation vermindert primär Vermögen.

Ich stehe keiner dieser drei Gruppen nahe und hege die leise Hoffnung, dass ein Teil der aktuellen Inflation bestehen bleibt, weil die Mega-Investitionsprogramme Joe Bidens ihr Nachhaltigkeit verleihen. Meine einzige Sorge: Die Republikaner könnten bei der ahnungslosen Bevölkerung, voran „Hausfrauen“, mit der Behauptung punkten, die gestiegen Inflation sei die einzige, aber typische Folge der Biden- Politik. Das unterstützte auf absurde Weise ihre Obstruktion gegen seine Programme und erschwerte es erheblich, dass zehn republikanische Senatoren mit den Demokraten für ihre Durchführung stimmen.

Ihr Entfall wäre eine globale Katastrophe– gestiegene Inflation ist keine.

Eine überzeugende Inflations-Theorie ist mir nirgends untergekommen. Nur die offenkundig falsche, freilich am weitesten verbreitete des Vaters des Neoliberalismus Milton Friedman wonach erhöhte Geldmengen Inflation bedingen. Dass Franz Schellhorn von der Agenda Austria ihr anhing, ließ ihn als Ressortleiter der Presse vermuten, dass die ultralockere Geldpolitik der EZB die Zinsen „durch die Decke schießen“ lassen würde, während sie in Wirklichkeit in den Keller fielen. Aber auch die Annahme des von mir verehrten deutschen Ökonomen Heiner Flassbeck, wonach überproportionale Lohnerhöhungen am Anfang der Inflation stünden, scheint mir durch die aktuelle Entwicklung widerlegt: Die Löhne sind in der Pandemie nicht gestiegen, sondern gesunken, können den Inflations-Sprung also kaum ausgelöst haben. Meine persönliche Sicht der Inflation geht davon aus, dass sie einen Güter-Engpass zur Voraussetzung hat und dass dessen Verbindung mit einer erhöhten Geldmenge sie beschleunigt: Nicht beliebig vermehrbare Güter, wie Gold, City-Baugrund oder Aktien, so war ich überzeugt, würden sich auf Grund der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken massiv verteuern- und so war es auch. Nur dass weder Gold, noch Aktien noch selbst City-Baugrund erheblichen Einfluss auf den Warenkorb haben, so dass auch ihr massiver Preisanstieg den aktuellen Inflations-Sprung nicht erklären kann.

Bei anderen Waren gibt es aber sehr wohl Engpässe. Voran bei Öl: Während der Pandemie gab es davon bekanntlich ein Überangebot, das den Preis derart in den Keller drückte, dass einige große Ölproduzenten die Förderung drosselten. Mit der Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, die in den USA und in China am Frühesten einsetzte, wurde plötzlich wieder viel mehr Öl gebraucht- das scheint mir eine einleuchtende Erklärung für seine erhebliche Verteuerung.

Ebenfalls Waren- Engpässe hat es zweifellos durch die Pandemie bedingten Unterbrechungen von Lieferketten gegeben. Dass der Suezkanal lange durch ein quer stehendes Schiff blockiert war und Chinas größter Container-Hafen nur mit halber Kraft arbeitet, hat ebenfalls Waren verknappt. Nicht zuletzt vermute ich ein psychologisches Phänomen: In den USA, wo die Bevölkerung dank des schon unter Donald Trump extrem erhöhten Arbeitslosengeldes plötzlich mehr Geld als zuvor in Händen hielt, dürfte mit Abklingen der Pandemie ein Kaufrausch eingesetzt haben, der den Handel die Preise nicht senken, sondern eher erhöhen ließ, um vergangene Verluste rascher aufzuholen.

Jedenfalls teile ich die Meinung der Direktorien der US-Notenbank FED und der Europäischen Zentralbank, dass der aktuelle Inflationsanstieg auf Sondereffekte zurückzuführen ist und voran in Europa nicht von Dauer sein wird.

In den USA sehe ich hingegen die Chance, dass die Inflation sich auf ein optimales Maß um die zwei, drei Prozent einpendelt. Denn Bidens hoffentlich nicht aufgehaltene Programme werden die Wirtschaft beflügeln und jene Reallohnerhöhungen bewirken, die eine solche Inflation zum Vorteil aller Beteiligten sicherstellen. Die FED wird daher auch als erste ihre ultralockere Geldpolitik beenden, denn die ist ja nur notwendig, um Krisen zu überwinden beziehungsweise um marginales Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten, solange die Investitionen des Staates dazu nicht reichen.

Was die EU betrifft bin ich weniger optimistisch: Solange die Staatschefs großer Volkswirtschaften von Nulldefiziten und Schuldenbremsen träumen, wird eine gesunde Inflation außer Reichweite bleiben.

2 Kommentare

  1. Ob Inflation durch steigende Geldmengen verursacht wird oder durch zu geringes Warenangebot, ist bloß eine Frage der Sichtweise. Die entscheidende Frage ist dabei, auf welchen Märkten die steigenden Geldmengen ankommen. Die Fantastilliarden, die die Notenbanken rund um den Erdball in die Märkte pumpen, erreichen jedenfalls offenbar nur einen sehr begrenzeten Personenkreis, der zusätzliches Geld nicht für den Kauf zusätzlicher Waren des täglichen Bedarfs benötigt, sondern dieses Geld nur weiter investieren will. Daher ist es logisch, dass die dadurch generierte Inflation nur die dafür in Frage kommenden Assets betrifft – Gold, Aktien, Anleihen, Immobilien.

    Erst wenn die zusätzliche Geldmenge auch bei Verbrauchern ankommt, die zusätzliches Geld für zusätzlichen Konsum einsetzen wollen, verlagert sich die Inflation auch auf Waren, die durch den Verbraucherpreisindex erfasst werden. Und das war jetzt durch Bidens Aktion, Steuergeld flächendeckend an die Verbraucher auszuschütten, der Fall. Und wenn jeder Haushalt plötzlich einen zusätzlichen Tausender zur freien Verfügung hat, dann braucht es keine echten Waren-Engpässe (die es schon mal irgendwo geben mag), um Preissteigerungen durchzusetzen: Das Geld ist ja da und kann durch gestiegene Preise ebenso abgeschöpft werden wie durch ein steigendes Warenangebot. Nachhaltig wäre dieser Inflationsschub in den USA nur dann, wenn er zu steigenden Löhnen führen würde. Die sind aber angesichts anhaltend hoher Arbeitslosigkeit kaum zu erwarten.

    In Europa ist ein solcher Effekt mangels flächendeckender Flutung der Verbraucher mit Gratis-Geld nicht zu erwarten. Allerdings gibt es hier einen Konsum-Rückstau, da weite Teile der Bevölkerung (nicht zuletzt dank der Corona-Hilfen aller Regierungen) in den letzten Monaten Geld angespart haben, das sie aufgrund von Corona-bedingten Verkaufs-Beschränkungen nicht ausgeben konnten. Dieses Geld kommt jetzt auf den Markt und führt dort (z.B. in der Gastronomie – 4,4 % Preissteigerung ganz ohne Warenengpass) zu einem Inflationsschub. Aber auch der könnte nur nachhaltig werden, wenn er zu Lohnsteigerungen in ähnlicher Größenordnung führen würde. Und das ist – auch angesichts der Sparwilligkeit der Staatshaushalte, wie Sie richtig anmerken – nicht zu erwarten.

  2. Vielen Dank auch für diesen Beitrag. Generell einverstanden – man/frau hört ja immer wieder, ein ganz klein wenig Inflation wäre gesund (wie immer: die Dosis macht das Gift). Stellen wir uns aber mal bitte die folgende Situation vor: Jemand hat (warum auch immer) 100.000 €, ist risikoavers und hat keine Ahnung von den „Märkten“, Aktien etc. Ich sag mal – nicht abwertend gemeint: Ein Durchschnitts-Österreicher. Damit will er/sie – so die ursprüngliche Lebensplanung – monatlich 1.000,- „zubessern“ (zur Pension). Was würden Sie ihm/ihr raten, was er/sie mit dem Geld machen soll? MIR fällt nichts „Blöderes“ ein … als das klassische Sparbuch (bringt nichts an Zinsen – ist aber ein Hauch sicherer als unterm Kopfpolster). Das – nach der monatlichen – Abhebung verbleibende Restguthaben wird durch die Inflation – sei sie auch noch so klein und gesund –entwertet (wissen wir). Mein Gedankenspiel: Was würde es wohl eigentlich kosten, wenn die EZB nicht nur den Immobilienspekulanten et.al. das Geld vor die Füße wirft – sondern auch den (Klein-) Sparern die Zinsen zahlt im Ausmaß von 1% über der Inflation? Für Langzeit-Sparer (die das tun aus welchem Grund auch immer) sind ja nicht nur die Zinsen wichtig – sondern vor allem auch die … (gelegentlich schwer geschmähten) Zinsenzinsen!

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