Wer ist ein “Corona-Toter”?

Nur 0,8 Prozent der Italienischen Corona-Toten haben keine chronischen Vorerkrankungen. Das Virus ist nicht unser größter Feind. Die Todesraten künftiger Pandemien müssen vor ihrem Ausbruch vermindert werden.  

Wir wissen mittlerweile aus einer Studie des ISS (italienisches internationales Gesundheitsinstitut) ziemlich genau, wer Italiens “Corona -Tote” sind: 

  • Sie sind im Durchschnitt 79,5 Jahre alt – ihr aussagekräftigeres medianes Alter beträgt 80,5 Jahre. (denn es gibt nur ganze wenige Tote unter 65)
  • Und sie haben zu 99,2 Prozent chronische Vorerkrankungen – 48,5 Prozent drei oder mehr, 25,6 Prozent zwei oder mehr, 25,1 Prozent eine Vorerkrankung.

Bei nur 0,8 Prozent der italienischen “Corona Toten” wurde ausschließlich das Corona-Virus vorgefunden.

Die Aussage, in Italien seien zehntausende Menschen “am” Corona-Virus oder “an Covid-19” gestorben, wie wir sie umgangssprachlich machen, ist also unhaltbar. Korrekt müsste es heißen: Das Corona -Virus war in unterschiedlichem Ausmaß am Tod von zehntausenden Italienern beteiligt. Normalerweise könnten wir das genaue Ausmaß dieser Beteiligung feststellen, indem wir die langjährigen Todesraten der meisten chronischen Erkrankungen – Krebs, Hochdruck, Diabetes, Atemwegserkrankungen – mit den aktuellen Todesraten vergleichen. 

Im konkreten Fall ist das dadurch extrem kompliziert, dass die Überforderung des italienischen Gesundheitssystems – das Fehlen von Beatmungsgeräten, Medikamenten oder medizinischem Personal- sich bei unterschiedlichen Erkrankungen unterschiedlich stark auswirkt. Der Virologe Hendrik Streeck dürfte nicht daneben liegen, wenn er das Ausmaß der Beteiligung des Corona-Virus an Corona – Todesfällen primär als minimal erachtet – wenn man freilich davon absieht, dass die extrem rasche Ausbreitung der Corona-Infektion entscheidend zur Überforderung der Gesundheitssysteme beigetragen hat und dass diese Überforderung die Todesrate entscheidend gesteigert hat. Wie sehr wird man erst nach Abschluss der Epidemie genau abschätzen können-  dass der Zustand des Gesundheitssystems ein wesentlicher Beitrag zur Todesrate ist zeigen Italiens oder Spaniens überfüllte Leichenhallen.

Die nächste Pandemie kommt sicher 

Was kann man aus all dem gesundheitspolitisch schließen? Zuerst einmal sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass es zahllose Viren, schon alleine zahllose Corona-Viren, gibt, die sich jederzeit so verändern können, dass sie die Gesundheit des Menschen gefährden- dass also immer Pandemien auftreten können.

  •   Einen der daraus zwingend folgenden Schlüsse hat Bill Gates schon vor Jahren gezogen: Es muss in möglichst vielen Ländern Pandemie -Beobachtungszentren geben, die in engem Kontakt zu einander stehen. Das ist teilweise verwirklicht. Wahrscheinlich ist es sinnvoll, wenn insbesondere Fleisch, das zum Verzehr bestimmt ist darauf untersucht wird ob sich darin Viren finden die man aus gefährlichen Tier-Krankheiten kennt. 
  • Eine zweite Schlussfolgerung will man insbesondere hierzulande ungern hören: Sparen des Staates, wie Sebastian Kurz es predigt und der EU-Sparpakt es vorschreibt, war lebensgefährlich. Denn es hat – Italien oder Spanien sind charakteristische Beispiele- entscheidend dazu beigetragen, die Gesundheitssysteme zu schwächen, zählen die Gesundheitskosten doch überall zu den größten Kostenblöcken der Budgets und sind daher vorrangig Gegenstand von “Einsparungen”. In Italien hat sich etwa die Anzahl der Intensiv-Betten pro tausend Einwohner seit 1998 laut OECD von 5,5 auf weniger als 1 verringert und selbst in Österreich von 7 auf 5,5.

Das Virus ist nicht der eigentliche Mörder

 Vor allem aber sollte man sich zu der Schlussfolgerung bekennen, die der Medizin-Antropologe und Public Health-Experte Dominique Michel in seinem Blog für die “Tribune de Geneve” gezogen hat: Nicht das Corona-Virus, sondern die chronischen Vorerkrankungen tragen die Hauptschuld an zehntausenden Corona-Toten und an der überwältigenden Mehrheit aller vorzeitigen Todesfälle des Erdballs.

Die Medizin bekämpft chronische Erkrankungen daher auch mit allen ihren Mitteln und erzielt dabei immer größere Erfolge. Aber es gibt wesentliche Ursachen chronischer Erkrankungen, die außerhalb medizinischer Möglichkeiten liegen. Voran Luftverschmutzung, Übergewicht und mangelnde Bewegung. 

Die Luftverschmutzung hat zweifellos voran mit Industrie- und Verkehrsabgasen zu tun. Deren Bekämpfung ist also nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern auch aus Gründen der Volksgesundheit vordringlich. 

Und dem Übergewicht und dem Bewegungsmangel von immer mehr Menschen, auch in Österreich, ist viel größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Zucker, der in so vielen Getränken und Speisen ein Suchtverhalten fördert, ist beispielsweise lebensgefährlich. 

Und ich persönlich würde, auf Österreich bezogen, ernsthaft darüber nachdenken, ob es wirklich so gescheit war, dem Turnunterricht, Schikursen oder Wandertagen an Schulen immer weniger Platz einzuräumen.

Turnunterricht hat meines Erachtens die Pflicht, den Kindern möglichst viele Sportarten vorzustellen, weil das die Chance erhöht, dass man an einer davon hängen bleibt und sie das ganze Leben hindurch ausübt. 

Zumindest die Bekämpfung von Übergewicht haben wir eigentlich in der Hand – und sollten sie im Kopf haben.

 

10 Kommentare

  1. Also, nehmen wir an, ich hab Diabetes, und der Corona-Virus erwischt mich und bringt mich um … Dann war es aber doch nicht der Virus, sondern Diabetes?

    Wie viel Prozent der Bevölkerung haben eigentlich NULL Vorerkrankung?

    Ich leide tatsächlich unter Heuschnupfen … Hilfe, der Heuschnupfen könnte mich jetzt umbringen?!
    Und ein bisschen Übergewicht hab ich auch … mein Gott, das bringt mich jetzt um, und der Corona-Virus lacht sich unschuldig ins Fäustchen!

  2. Sehr geehrter Herr Lingens, Sie haben mit jedem Satz recht. Aber gegen den “Zeitgeist” kann man schlecht anstinken, auch wenn die Wirtschaft, unser Wohlstand vor die Hunde gehen. Und wenn viele Jüngere infolge früher sterben werden …

  3. Gibt es dazu schon belastbare Zahlen aus Österreich ? Der ärtliche Leiter des Spitals in Zams berichtet, dass bei ihm querbeet durch alle Altersgrupen gestorben wird. Hat allerdings nur 19 Intensivbetten.

  4. Wieder sehr “treffender” Kommentar von P.M.Lingens!Und die nächste Epidemie,Pandemie kommt bestimmt!Gestern im TV hat darüber eine kompetente Epidemie Ärztin aus Singapur gesprochen!In Frankreich werden “Corona” Fälle ab 75 J.,nicht mehr “künstlich” beatmet!”Bald” auch bei uns?
    Apropos “Bewegung” !Ein “Rollstuhlfahrer” ,gehbehinderter Mensch kann kaum Bewegung machen,ich seit 2 Monaten mit Krücken,da Achilles Sehnen Entzündung,Therapien mit “Laser” & Strom wegen “Corona” Krise storniert!Trotzdem “hoffen” & “warten”!Bin 73 Jahre!

  5. Heute schlägt Herr Lingens einen weiten Bogen von der Zählung der Toten bis hin zum verringerten Turnunterricht in unseren Schulen.
    Wie immer sich unser Lebensstil entwickelt hat, das Leben ist lebensgefährlich- Das hat schon Kästner gemeint.

    1. Sachlich guter Kommentar, danke!
      2 Anmerkungen: dass das Gesundheitssystem in der Lombardei schlecht sei, ist ein Irrglaube. Das Gegenteil ist der Fall. Die ital. Regional/Bundes regierung hat dort zuspät auf die Epidemie reagiert und daher ist CoV ausser Kontrolle geraten. Neben einer überalterten Gesellschaft darf man nicht vergessen, dass in Italien oft 3 Generationen in einer Wohnung/Haus zusammenleben (no social distance). Das befeuert den Replikationsfaktor. Dass sparen im österr. Gesundheitssystem (GS) Mitschuld am status quo trägt, ist eine Mär. Schlecht gespart wurde im NHS im UK und in den USA (Abschaffung von Obamacare d/Trump). In AT haben wir eines der besten GS der Welt und eine Regierung, die rasch und strukturiert vorgegangen ist. Daher werden wir rascher als die meisten europ. Länder aus der Krise herauswachsen. Das hilft nur bedingt, denn zur Überwindung der Rezession brauchen wir nicht nur ganz Europa, sondern auch den Rest der Welt (USA, China etc.).
      Gemeinsam schaffen wir das.
      Viribus unitis!

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