Ein Plädoyer für “Schweden” + “Ampel”

Geballte “Maßnahmen” sind nicht länger als drei Monate durchzuhalten. Schweden geht zur “Ampel” über- wir haben sie und sollten sie ernst nehmen.

Donald Trump ist ein Büffel. Der 74-Jährige hatte zwar 40 Grad Fieber, aber er twittert schon wieder- seine 50 jährige Frau Melanie hatte nur gerade Kopfweh. Ich bin mit drei Herzinfarkten kein Büffel. Meine Chance, Covid-19 als 81j-ähriger zu überleben ist eher dürftig – meine Frau Eva ist zwar 72, aber sie hat die Physis einer 50-jährigen und überlebte Covid-19 sicherer als der übergewichtige Trump. Ihr größtes Glück ist es, unseren zweijährigen Enkel Noah zu herzen. Seit voriger Woche ist Noah im Kindergarten. Wenn er sich dort mit dem SARS-Cov-2 Virus infizierte, zeigte er vermutlich keine Symptome. Wenn er es auf meine Frau übertrüge, müsste wohl auch ich es überleben- oder eben nicht. Falter-Leser gehören zwar laut Media-Analyse eher selten meiner Altersklasse an, aber vielleicht ist ihnen das innerfamiliäre Dilemma dennoch vorstellbar. Wir sind folgenden Kompromiss eingegangen: Eva wird versuchen, sich nur im Freien an Noahs Anblick zu erfreuen. Ob sie das durchhält, ist ungewiss- und ich kann ihr das schwer verübeln.

Was spricht fürs schwedische Modell?

Ich kann es deshalb auch der Jugend schwer verübeln, dass sie sich, wie Rudolf Anschober kritisiert, immer weniger an die “Maßnahmen” hält und damit den aktuellen Anstieg der Infektionen verantworten dürfte. Das ist zwar eine wirtschaftliche Katastrophe, weil die Reisewarnungen des Auslands uns weiteren Tourismus kosten und der 15,3 Prozent zum BIP beiträgt- aber die Jugend will leben und lieben. Man kann diesen Wunsch zwei, drei Monate “down-locken” – aber nicht länger. Ich glaube daher, dass wir zum schwedischen Modell der sehr begrenzten Maßnahmen und erhöhten “Eigenverantwortung” übergehen müssen und will das begründen. Schweden hat zwar deutlich mehr Tote als Österreich zu beklagen, aber das hat zwei Gründe:

  • Die Lebenserwartung schwedischer Männer ist ein gutes Jahr höher als die der Österreicher- die Gruppe der durch Vorerkrankungen von Covid-19 mit dem Tod Bedrohten ist daher in Schweden wesentlich größer. (Und Männer sterben doppelt so oft wie Frauen an Covid-19.)
  • Im Gegensatz zu Österreich gibt es in Schweden fast nur private Altersheime. Die wurden, wie Schwedens Chef-Virologe Anders Tegnell zugibt, ungenügend beaufsichtigt: Dass dort tödliche Coivid-19-Cluster entstanden, war ein Hauptgrund für die erhöhte schwedische Mortalität. Bei uns gab es dieses Problem kaum, und man will es bekanntlich weiterhin vermeiden, indem man in Altersheimen ständig testet- das sollte eigentlich gelingen.

Tegnell hat zwar soeben einen halben Strategiewechsel angekündigt: Er will zwar weiterhin ohne umfassenden Lockdown auskommen, wie Österreich ihn erfolgreich exekutierte, aber er hält partielle lokale Lockdowns für möglicherweise geboten. Das aber entspricht exakt Österreichs aktueller Ampel-Strategie, sofern die Politik sich daran hält.

Schwedens Modell schonte die Wirtschaft

Dass die Schweden- Bevölkerung wie Politiker- nicht mehr so überzeugt vom schwedischen Sonderweg sind, hat meines Erachtens nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe: Schwedens BIP ist trotz Vermeidung eines Lockdown in den beiden ersten Quartalen um 8,6 Prozent eingebrochen – Österreichs Wirtschaft freilich um 12,5 Prozent und es ist unwahrscheinlich, dass sich das in den zwei nächsten Quartalen umkehrt- eher wird sich der Abstand noch vergrößern.

Zudem werden die Langzeitfolgen ausgeblendet:Ein wesentlicher Vorzug des schwedischen Modells war es nämlich, Schulschließungen zu vermeiden. Mangelnde Ausbildung ist aber laut Sonderauswertung der Statistik Austria ein wesentlicher Grund für eine verkürzte Lebenserwartung: Österreicher ohne Pflichtschulabschluss leben um 11 Jahre kürzer als Akademiker. Bei wie vielen Migranten der unterbrochene Unterricht dieses Jahres die Lebenserwartung weit stärker als Covid-19 verkürzt, wird sich zwar erst in Jahrzehnten herausstellen, aber dass es so sein wird, ist wenig zweifelhaft und einer der Gründe, warum ich mit Heinz Faßmann so sehr dafür eintrete, Schulen nur mehr ganz selten zu schießen.

Nur “schwedisch” hält man durch

Der Faktor Zeit ist auch sonst der entscheidende Grund, dass ich für das neue schwedische Modell plus “Ampel” plädiere: Ein totaler Lockdown ist in einer freien Gesellschaft eben unmöglich länger als zwei, drei Monate durchzuhalten- ein zweiter Lockdown, wie er gelegentlich angedroht wird, schon gar nicht.

Anschobers Hoffnung, dass das Problem schon demnächst durch eine Impfung beseitigt sein wird, halte ich für voreilig. Ich habe mir in der welt-führenden Medizin- Zeitschrift Lancet durchgelesen, was dort über die Verträglichkeit des derzeit am weitesten fortgeschrittenen Impfstoff von AstraZeneka steht: In der Prüfphase 2 konnte 39 Grad Fieber als Nebenwirkung erst nach der Zugabe von Paracetamol in Grenzen gehalten werden, und die Prüfphase 3, in der mehrere tausend Personen geimpft werden, findet in Indien statt, wo man für ein paar hundert Euro jede Auskunft kaufen kann. Jedenfalls vermerkt Lancet, dass es noch eingehender Prüfung bedarf, ob über 80-jährige mir Vorerkrankungen wie ich die Impfung wirklich vertragen.

Es gibt Gott sei Dank eine ganze Reihe von Impfstoff-Kandidaten, aber selbst wenn ein Impfstoff schon im Frühjahr 2021 als unbedenklich eingestuft wird, wird es noch eine Weile dauern, bis dank Durchimpfung Herdenimmunität erreicht ist. Wir müssen also ziemlich sicher noch ein gutes Jahr mit Covid-19 leben- und das geht nur auf schwedisch plus Corona-Ampel.

 

 

3 Kommentare

  1. Die einfachsten Maßnahmen, wie Abstand halten, Hände waschen und Maske dort tragen wo sich viele Menschen treffen, sind sehr leicht zu befolgen. Eigenverantwortung kann man nur von Menschen verlangen die gewohnt sind mit Verantwortung umzugehen. Es ist nun mal leichter einen Führer zu folgen, selbst wenn dieser Donald Trump heißt. “Der sagt wenigstens wo es lang geht und faselt nicht herum” poltern Menschen die gewohnt sind, dass man ihnen Entscheidungen erleichtert indem man diese politisch vorentscheidet. Ein philosophisches Dilemma das so gar nicht neu ist.

  2. Es wird in unseren Breiten in mittlerer Zukunft wesentlich mehr “wirtschaftliche Selbstmörder” als Corona-Tote geben. Und so makaber es klingt: Sterben müssen wir alle einmal. In diesen Tagen tut man ja so, als ob dieser böse Virus die einzige Ursache für menschliches Ableben wäre.
    Nachsatz: Dass die “app” nicht funktionieren bzw. nicht akzeptiert ist, war Menschen mit Hausverstand von Beginn an klar. Nur unsere “Spezialisten” hatten andere – weltfremde – Vorstellungen …

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